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Übersicht

Ute Scheurlen

Vortrag am 16.9.1983 im
Gemeindehaus St. Lukas in Fuhlsbüttel

Fuhlsbüttel: die Siedlung eines Fulo an der Alster

Meine Damen und Herren!

Vielleicht hat der Eine oder Andere schon einmal einen Flug über Hamburg mitgemacht oder ist von einer Flugreise heimgekehrt, hat einen Fensterplatz und beobachtet nun, wie das Flugzeug aus großer Höhe sein Ziel ansteuert. Er sieht zunächst etwas verschwommen die Umrisse der Landschaft und dann immer klarer Häuser, Straßen, Wiesen, Plätze, Kirchen und anderes mehr. Ähnlich ist es mir ergangen, als ich vor Wochen gebeten wurde, Ihnen einen Vortrag über Ihren Ortsteil zu halten. Der Name „Fuhlsbüttel“ ist mir gleich bei meiner Ankunft im Spätherbst 1944 in Hamburg begegnet. Wir mussten von der Schule in Rendsburg aus ein halbes Jahr im Barmbeker Krankenhaus arbeiten, das mit der einen Seite zum Rübenkamp und zur anderen an der Fuhlsbütteler Straße liegt. Ich bin auch später mit dem Auto durch Fuhlsbüttel gefahren, kam durch den Erdkampsweg, habe das Alte Landhaus liegen sehen, und sehr viel später habe ich meinen ersten Flug über Fuhlsbüttel nach Sizilien angetreten. Dann bin ich natürlich häufig in Ohlsdorf, wo wir unser Familiengrab haben, aber zu einer näheren Bekanntschaft mit Fuhlsbüttel, das muss ich mit einiger Beschämung gestehen, ist es nie gekommen. Sie könnten darum mit einiger Berechtigung fragen, was ich denn eigentlich bei dieser Gelegenheit hier zu suchen hätte? Schließlich kennen Sie Fuhlsbüttel wie Ihre Westentasche und einer, der von draußen kommt, kann Ihnen nichts Neues bieten. Das ist einerseits sicher richtig, andererseits spielt uns die Gewöhnung oft einen Streich: Man selbst nimmt vieles nicht mehr wahr,was einem Außenstehenden aber sofort auffällt, was ihm des Berichtens wert erscheint.

Im Museum für hamburgische Geschichte habe ich ein paar Jahre mit den Schülern Gespräche über hamburgische Geschichte geführt. Die begannen immer mit der Siedlung an der Alster. Wir haben eingehend über die Gründung der erzbischöflichen Altstadt und die der gräflichen Neustadt gesprochen, die sich während der dänischen Besatzungszeit am Beginn des 13. Jahrhunderts zusammenschlossen. Später kam die Gründung der zweiten Neustadt auf der gegenüberliegenden Alsterseite dazu. Alt- und Neustadt wurden von einem Festungswerk umgeben. Die Landgebiete von Hamburg sind bei diesen Gesprächen mit Sicherheit zu kurz gekommen. Seit einigen Jahren bin ich nun im Bergedorfer Schloss, das am Beginn des 13. Jahrhunderts zur nämlichen Zeit unter dänischer Herrschaft erbaut und schließlich eine der hamburgischen Landherrenschaften wurde, so wie Fuhlsbüttel zur Landherrenschaft der Geestlande gehörte. Der südöstliche Teil von Hamburg ist mir in 6 Jahren vertraut geworden, auch dank der Bergedorfer Zeitung, die wie ein kreisendes Leuchtfeuer nicht nur den hamburgischen, sondern auch den holsteinischen Orten ihre Aufmerksamkeit widmet. In Rahlstedt bin ich seit Kriegsende zu Hause und als Synodale habe ich seit 1968 ein gut Teil der Propstei bzw. des Kirchenkreises Stormarn, aber auch der Nordelbischen Kirche kennengelernt. Wir kommen bei unseren Sitzungen auch durch den Althamburgischen Kirchenkreis, aber in einer Fuhlsbütteler Kirchengemeinde bin ich zum ersten Mal.

Es ist beachtlich, wieviele Städte und Dörfer in dieses hamburgische Staatsgebiet eingegliedert worden sind, die mehr oder weniger ihre eigene Geschichte haben. Wir wollen heute abend nicht nur streng auf das ehemalige Dorf und den heutigen Vorort oder Stadtteil Fuhlsbüttel sehen, wir müssen auch immer den Bezug zu Hamburg suchen. Im Jahre 1983 soll nun der ersten urkundlichen Erwähnung Fuhlsbüttels gedacht werden. Dieses Datum steht unter einem Kaufvertrag vom 2. Mai 1283, also vor 700 Jahren.

Man kann vorher kurz von den Zeiten sprechen, in denen sich über dieser Landschaft eine unübersehbare Eiswüste ausbreitete. Keine Menschenseele konnte hier leben. Kein Gras, kein Feld, kein Tier und keine Pflanze waren vorhanden. In der Ferne brauste der Gletscherstrom durch das Urstromtal der Elbe, der erst bei dem heutigen Wittenbergen durch eine Endmoräne gebremst wurde. Hier entstand das Stromspaltungsgebiet der Elbe, ehe ihr der Durchbruch zur Nordsee gelang. Spuren von Menschen in diesem nördlichen Bereich finden wir dann in der mittleren Steinzeit. Die Landschaft war nun so geformt, wie sie heute noch ist: leicht gewellt, mal eine kleine Erhebung, an anderer Stelle wieder eine Einsenkung. Die Alster floss in ihrem Bett, wie sie es heute noch tut. Das Land war weite Steppe. Vereinzelt standen Kiefern, Birken und kleine Eichen. Das Klima war trockener. Noch lebten hier keine sesshaften Bauern oder Viehzüchter. Aber es gab Jäger und Fischer, die in der Alster reiche Nahrung fanden. An anderer Stelle wurde dem Wild nachgestellt mit Pfeil und Bogen, mit Schlingen und Fallen. In der Nähe vom Wacholderweg hat man zierliche Steinwerkzeuge, Messer, Pfeilspitzen und anderes Gerät gefunden. Der Name von Gustav Schwantes, dem Vorgeschichtsforscher, wird manchem von Ihnen bekannt sein. Die Ureinwohner von Fuhlsbüttel hatten sich dort angesiedelt, wo ihnen das Hochwasser der Alster nicht mehr gefährlich werden konnte.

Aus der Bronzezeit sind große Hünengräber zurückgeblieben. Die jüngeren ihrer Grabhügel drängen sich an der Langenhorner Grenze zusammen. Wohnplätze sind aus dieser Zeit nicht nachzuweisen.

In der Zeit nach Christi Geburt ist das Klima in diesen Breiten schon wärmer und feuchter gewesen. Das Land war reich besiedelt, und zwar überall da, wo wir heute sind. Es gab hier ein Dorf, dessen Namen wir nicht kennen. Seine Häuser standen auf der Flur, die später Olendörp hieß. Das war also mehr westlich von der Siedlung des Fulo an der Alster. Sie lag auch auf der Höhe und nicht am Hang, der ihr Schutz geboten hätte, also ganz frei und offen. Merkwürdigerweise hat man auf dem heutigen Surenkamp einen Frauenfriedhof gefunden, aber bisher keine Männergräber.

Ihre Abfälle haben die Bewohner in den nahen Tümpel des Ortensiek geworfen. Auf die Art sind viele Vorgeschichtsfunde erhalten geblieben. Diese Siedlung hat Jahrhunderte überdauert und zahlreiche Einwohner gehabt, die aber keine Sachsen waren sondern Sweben wie die ihnen benachbarten Langobarden. Während der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. sind sie vermutlich nach Süden gewandert. Ihre Siedlungen verfielen. Spätere Siedler, die das Land menschenleer vorfanden, haben sich an anderer Stelle angebaut.

Um 800 n. Chr. muss man sich im heutigen Bereich der Hamburger Innenstadt ein paar Hütten, einen Rundwall und eine kleine Kirche vorstellen. Die Alster war an ihrem Unterlauf noch der Ebbe und Flut ausgesetzt. Es gab zur gleichen Zeit schon einige Dörfer, die von Niedersachsen bewohnt wurden: Bergstedt, Mellingstedt, Duvenstedt, Tangstedt, Eidelstedt, Rahlstedt, Hamm und Horn und noch einige andere. Aber hier, wo wir uns jetzt befinden, stand kein Haus und schon gar keine Mühle. Es gab sehr viel Eichenwald, Busch, Moor und Heide. Aber nun erscheint plötzlich aus dem Norden, vielleicht aus Jütland, eine Menge junger Leute, denen die Heimat zu eng geworden war. Die besten Plätze hatten die Sachsen bereits vereinnahmt. Die Leute aus dem Norden siedelten sich gern bei einer Flussniederung an, wandten aber das Gesicht vom Wasser ab. Sie gaben ihren Wohnplätzen Namen, die man hier vorher nicht kannte und die alle auf -wedel oder auf -büttel endeten. Da die Neuankömmlinge meistens im mittleren Alstertal siedelten, blieben die entsprechenden Namen hier am häufigsten: Fuhlsbüttel, Poppenbüttel, Wellingsbüttel, Hummelsbüttel, Hoisbüttel, Eimsbüttel. Mit der Silbe -büttel sind Haus und Hof und eine Siedlung gemeint. Der erste Teil des Ortsnamens ist immer ein Personenname, der im Genitiv erscheint und den Gründer des Ortes bezeichnet. Das war in Wellingsbüttel ein Walding, in Poppenbüttel ein Poppo, in Hummelsbüttel, das früher Hummersbüttel hieß, ein Hunimar, in Hoisbüttel war es ein Hoyer, und Fuhlsbüttel war die Siedlung eines Fulo.

Die Alster war um 800 n. Chr. weder gestaut noch überbrückt. Drei Höfe wurden hier in ihrem Schutz angelegt. Die Ankömmlinge waren meist Viehzüchter und brauchten große Weideflächen, die hier reichlich vorhanden waren. Es gab auch Ackerbau, aber nur für den eigenen Bedarf. Das älteste und einzige Ackerland hieß hier wie überall Heesch oder Etz. Das wäre das Gebiet zwischen dem Erdkampsweg und Heeschredder*), das von der Etzestraße durchschnitten wird. Der Heesch wurde in einzelnen schmalen Streifen den drei Höfen zugeteilt, so daß jeder Hof mehrmals beteiligt war. Es gab noch keine Dreifelderwirtschaft, sondern eine einfache Feld-Gras-Wirtschaft. Die Siedler aus dem Norden waren als Heiden gekommen, sind aber im 9. Jahrhundert durch das Wirken von Bischof Ansgar zu Christen bekehrt worden. In Rahlstedt, Bergstedt, Eppendorf und Rellingen wurden Kapellen gebaut, aus denen selbständige Taufkirchen wurden. Fuhlsbüttels Mutterkirche war von Anfang an Eppendorf. Der Eppendorfer Kirche wurde in Fuhlsbüttel Land zur Verfügung gestellt, und zwar eine der drei Hufen und mehrere Wiesen. Der Pastor aus Eppendorf bekam ein Reitpferd, um die Dörfer besuchen zu können. Eine Abgrenzung von Fuhlsbüttel war nicht vorhanden. Das Dorf lag wie eine Insel im Ozean. Die Nachbardörfer Groß- und Klein-Borstel, Ohlsdorf und wohl auch Langenhorn existierten noch nicht.

Das herausragende Ereignis am Beginn des 13. Jahrhunderts war die Herrschaft der Dänen nördlich der Elbe. In der kurzen Zeitspanne von 1202 bis 1227 hat Hamburg unter dänischer Herrschaft gestanden. Wir erwähnten das schon im Zusammenhang mit dem Bau des Bergedorfer Schlosses. Was geschah nun aber mit Fuhlsbüttel? Bis zum Jahre 1350 gehörte es der Hamburger Bürgermeisterfamilie vam Berge. Sie bekam von den Höfen und Wiesen Pacht, hielt das Gericht und sorgte für Ruhe und Ordnung und zog auch die Polizeistrafen ein. Zur Erledigung all dieser Aufgaben war ein Vogt eingesetzt. Doch um 1350 traten die Herren vam Berge ihre Rechte an die Stadt Hamburg ab. Damit war Fuhlsbüttel ein Teil des hamburgischen Staatsgebietes geworden. Es ist also einer der ältesten Teile von Hamburg. Seine Nachbardörfer waren noch im Besitz des Adels und der Klöster.

Nun fragt man sich natürlich, was die Hamburger gerade an Fuhlsbüttel so interessiert hat. Das war der Oberlauf der Alster. Hamburg brauchte Wasser für seine Stadtmühlen und hatte sich Jahrzehnte vorher von den holsteinischen Grafen den ganzen Wasserschatz der Alster abtreten lassen. Nun wollte Hamburg auch den Wasserstau und das Mühlenwerk in Fuhlsbüttel in seine Hand bekommen. Fuhlsbüttel wurde also der Herrschaft der Mühlherren des Senats unterstellt. Bei dieser Regelung ist es geblieben, bis 1830 die Landherrenschaft der Geestlande eingerichtet wurde. Die Fuhlsbütteler haben bald gemerkt, was es bedeutete, in den unruhigen Zeiten den Schutz der Hansestadt zu besitzen.

Um diese Zeit herum saß in Eppendorf der Pfarrherr Klaus von Bremen über seinen Büchern und verbuchte die Einkünfte seiner Pfarrstelle aus den einzelnen Dörfern seines Sprengels. Darunter erschienen auch die Namen der Fuhlsbütteler Hufner. Wir hörten schon, daß drei Hufen vorhanden waren. Die eine gehörte der Eppendorfer Kirche, auf der als Meier Lomeke mit seiner Frau Pia saß. Die Witwe von Markward Barchmann bewirtschaftete die zweite Hufe und die dritte Markward Bileke. Der Name Markward war in Holstein sehr beliebt. Sie bezeichneten sich dort gern als Mark-Männer oder als Mark-Warte. Damit waren die Grenzwächter gemeint. Es gab Dörfer, in denen alle Markward hießen oder in der verkürzten Form Maack. Sie wurden unterschieden, indem man sie Grotmack, Langmack, Hogemack, Lüttmack oder Wittmack nannte. In den Aufzeichnungen des Pfarrherrn werden auch die ältesten Fuhlsbütteler Flurnamen genannt: Stoht und Depenwisch. Stoht bezeichnete eine Stüterei oder einen Pferdekamp, was auf Pferdezucht deutete. Depenwisch, später Pogwisch, ist das heutige Poggenpohl.

Das Jahr 1350 brachte die Pestepedemie in Europa. Die Seuche überzog den ganzen Erdteil. In Hamburg starben 4/5 der Bevölkerung. Die Überlebenden flohen aus den Städten auf das Land und erhöhten damit die Ansteckungsgefahr. Später wurde die dezimierte Stadtbevölkerung durch Zuzug von Bauernsöhnen und -töchtern wieder ergänzt.

Zweihundert Jahre weiter um 1550 hatte Hamburg mit Lübeck und dem Herzog von Holstein einen Nord-Ostsee-Kanal gebaut, der an Fuhlsbüttel vorbei führte, den Alster-Trave-Kanal. Er folgte von Hamburg aufwärts dem Lauf der Alster bis nach Stegen. Ganz neu gegraben war die Scheitelstrecke durch das Nienwohlder Moor bis nach Sülfeld. Dort wurde die Norder-Beste erreicht, es ging den Fluss abwärts bis Oldesloe und von dort auf der Trave bis Lübeck und in die Ostsee. Fuhlsbüttel lag nun an einem entscheidenden Funkt einer Welthandelsstraße. Der Alster-Trave-Kanal war nicht der älteste Nord-Ostsee-Kanal. Der Stecknitz-Kanal von Lübeck nach Lauenburg ist um mehr als 100 Jahre älter. Für die damalige Zeit war die Verbindung ein großes Unternehmen. Man hatte, um in der Alster immer genug Wasser zu haben, allein in der Oberalster neun Stauschleusen angelegt. Die unterste und wichtigste befand sich in Fuhlsbüttel neben der Mühle. Hier begann auch die eigentliche Kanalfahrt. Darum hatten sich in Fuhlsbüttel und in Strukholt mehrere Schiffer angesiedelt. Die Alsterfrachtkähne, die sogenannten Stackelschiffe oder Alsterböcke, waren zwar recht lang, hatten aber wenig Tiefgang. Sie glichen flachen Schuten, Stromaufwärts wurden sie vom Ufer aus durch Menschenkraft, oft von Frauen, gezogen oder „getreidelt“. Das kennt man heute kaum mehr. Flussabwärts wurden die Schiffe vom Strom getrieben und nur mit Peekhaken dirigiert. Auf die Art konnte der Warenverkehr zwischen Hamburg und Lübeck, zwischen West- und Osteuropa von der Landstraße auf den Wasserweg verwiesen werden: kostbare Tuche und sonstige Textilien und Gewürze aus dein Westen, Rauchwaren, Leder und Wachs aus dem Osten. In Fuhlsbüttel wurde gebaut, viele Arbeitsleute mussten untergebracht werden. Jede Schleuse hatte einen Schleusenmeister und ein Schleusenmeisterhaus. Die Alsterschiffer oder die „Stackelfahrer“, wie man sie nannte, beherrschten neben dem Bauern das Bild. Sie hatten ihre Vereinigung und pflegten ihre Bräuche.

Doch der Kanalverkehr bis nach Lübeck musste bald nach 1550 eingestellt werden. Es blieb jedoch die Alsterschiffahrt. Durch sie kam vor allem der Segeberger Kalk von dem großen Kalkberg nach Hamburg, außerdem Brennholz, Torf und Steine. Die Waren wurden in Kayhude in die Stackelschiffe verladen und bis nach Hamburg zum Kalkhof beim jetzigen Neuen Jungfernstieg gebracht. Dort wurde der Kalk gebrannt und den Bauherren zur Verfügung gestellt Auch Ziegelsteine kamen über die Oberalster nach Hamburg. Es war nicht mehr der große Kanalverkehr. Trotzdem ging es im Krug des Schleusenmeisters hoch her, wenn eine Flotte von Stackelfahrern die Schleuse passiert hatte und dort ihr Nachtquartier erhielt.

1528 hatte der letzte katholische Geistliche in Eppendorf seine Stelle aufgegeben. 18 Jahre stand das Pfarrhaus leer. Die Ehen blieben uneingesegnet, die Kinder ungetauft, die Sterbenden ohne letzte Wegzehrung, die Trauernden ohne Trost. Lange hatten sich der katholische Graf von Schaumburg und der Hamburger Rat nicht über die Neubesetzung einigen können. Erst 1546 erhielt Eppendorf und damit Fuhlsbüttel einen neuen Seelsorger. Landleute und Schiffer hatten von den Lehrstreitigkeiten wenig verstanden. Man war froh, daß es wieder eine feste kirchliche Ordnung gab, die seitdem nicht wieder unterbrochen worden ist. Fuhlsbüttel erhielt seine erste Dorfschule, in der die Kinder das Lesen, Schreiben, Rechnen und den Kleinen Katechismus lernten.

Das 17. Jahrhundert ist reich an Kriegen gewesen. Fuhlsbüttel ist von ihnen nicht verschont geblieben. Es kam dabei aber zu einiger Bedeutung. 1616 war der Krieg ausgebrochen, der 30 Jahre in Deutschland wüten sollte. Der Norden Deutschlands wurde nicht gleich zum Kriegsschauplatz. Abgesehen davon versuchte König Christian IV. von Dänemark, der zugleich Herzog von Holstein war, die doch einstmals Holsteinische Stadt Hamburg wieder unter seine Herrschaft zu zwingen. 1619 hatte Graf Ernst von Schauenburg den Titel eines Fürsten angenommen, worauf der König von Dänemark im Jahre 1621 dessen Gebiete mit seinen Truppen besetzte, und zwar die Dörfer Nienstedten, Groß- und Klein-Flottbek. Er wollte von Altona aus einen Stützpunkt gegen Hamburg gewinnen. Die Landbevölkerung hatte schwer unter dieser Besetzung zu leiden. 15 bis 20 Soldaten quartierten sich in einem Haus ein und verlangten, mit dem Besten verpflegt zu werden. Sie taten den Frauen Gewalt an, brannten Häuser nieder und zwangen die Bauern, ihnen Pferde und Wagen zu überlassen. Sie schreckten vor Folterungen nicht zurück, so dass nicht wenige Bauern die Flucht ergriffen. 53 000 Reichstaler musste der Schauenburger dem Dänenkönig zahlen, um seine Grafschaft von diesem Schreckensregiment zu befreien. Christian IV. setzte im Mai 1621 seine Söldner gegen Hamburg in Marsch und ließ bei Fuhlsbüttel und Hamm ein Feldlager aufschlagen. Die Bewohner der hamburgischen Landgebiete hatten sehr zu leiden, während Hamburg im Schutze seiner Wälle, aber vor allem wegen seiner anerkannten Neutralität geschützt war. Vom Süden her kamen die katholischen Heere unter Tilly rascher nach Norden, ohne daß die protestantischen Fürsten sie aufzuhalten vermochten. Christian IV. von Dänemark, der zwar seinen Herrschaftsbereich auf das südliche Elbufer ausweiten wollte, fühlte sich aber als Herzog von Holstein und somit protestantischer Reichsfürst verpflichtet, den Norden gegen die katholischen Heere zu verteidigen. Doch die Schlacht am Barenberge in der Nähe von Goslar im Jahre 1626 endete für ihn mit einer Niederlage. Die Dänen mussten den Rückzug über die Elbe antreten und marschierten über Eppendorf in die Grafschaft Pinneberg und bezogen dort Winterquartiere. Ein Teil der Truppen besetzte das Erzbistum Bremen. Im Osten versuchte die Armee in der Mark Brandenburg, Wallenstein den Vormarsch zu verwehren.

Im Winter 1626 und im Frühjahr 1627 wurden die an den Heerstraßen liegenden Ortschaften bei den Durchzügen und Einquartierungen der Truppen schwer in Mitleidenschaft gezogen. 1627 sollen die Bauern in Stormarn nicht in der Lage gewesen sein, ihre Höfe zu bewirtschaften. Es fehlte an Viehfutter, an Saat- und Brotkorn. Viele verließen ihren Hof, die holsteinischen Städte waren ein grosses Heerlager. Das nördliche hamburgische Landgebiet wurde zum Durchzugsgebiet und Eppendorf und Fuhlsbüttel als Alsterpässe besonders wichtig. Zur besseren Verteidigung wurden Schanzen aufgeworfen. Im Sommer 1627 erreichten die katholischen Heere die Grenzen von Holstein und schlugen ihr Quartier im Lauenburger Schloss auf. Die Truppen unternahmen Raubzüge in die Umgebung. Tilly und Wallenstein hatten eine weit stärkere Heeresmacht als der Dänenkönig. Die dänischen Truppen bauten zwischen Altona und Ottensen eine Schanze und gingen mit dem Rest ihres Heeres über die Alster und schlugen bei Fuhlsbüttel ein Lager auf. Dass es gerade hier zu Kampfhandlungen kam, ist nicht überliefert. Der König von Dänemark hatte 1627 noch weniger Glück als im Vorjahr.

Im Mai 1629 wurde zwischen den Dänen und den Kaiserlichen in Lübeck Frieden geschlossen und das Land von den gegnerischen Truppen geräumt, die auf ihrem Rückmarsch durch Fuhlsbüttel gekommen sind. Ruhe gab es noch lange nicht. Deserteure durchstreiften das Land. Die Bedrückungen der Bauern hielten an. Sie wussten oft nicht, wie sie weiter wirtschaften sollten.

Zwischen Christian IV. von Dänemark und Hamburg flammte bald ein Streit auf, als der Dänenkönig bei Glückstadt einen Zoll erhob. Dieser Konflikt wurde auf diplomatischem Wege ausgetragen.

1638 besetzten die Dänen wieder einen Teil der Grafschaft Pinneberg. Da sich die Verhandlungen zwischen dem Dänenkönig und Hamburg zu lange hinzogen, drohte der König der Stadt mit Belagerung und ließ seine Truppen an der Straße bei Segeberg im Jahre 1641 ein festes Lager beziehen. An dieser Stelle soll noch einmal wiederholt werden, daß Hamburg in früheren Jahren eine Holsteinische Stadt war, sich jedoch mit Erfolg bemüht hatte, diese Landesherrschaft abzustreifen. Die Könige von Dänemark hingegen waren seit 1460 auch Herzöge von Holstein und versuchten darum, Hamburg wieder unter die Botmäßigkeit ihrer Landesherrschafft zu bringen. So sind auch die Bemühungen des Dänenkönigs zu verstehen, von Glückstadt aus die Hamburger zu bekämpfen. Es gab noch einen weiteren Grund: Christian IV. hatte das Wachsen der schwedischen Großmacht mit Bedenken beobachtet. Er fürchtete insgeheim, die Schweden würden sich Hamburgs bemächtigen. Der Alster-Pass bei Fuhlsbüttel war strategisch wichtig. Andere Alsterübergänge waren nur Furten und bei hohem Wasserstand nicht zu passieren. Über die Fuhlsbütteler Mühlenbrücke kam man aber auch bei Hochwasser. Darum wurde 1641 gerade hier das Lager für 7 Monate bezogen.

Eine Abhandlung über die Kriegsbaukunst aus dem Jahre 1662 zählt die Voraussetzungen auf, die bei Errichtung eines Lagers zu beachten waren:

  1. Das Lager durfte nicht in der Nähe von Höhen und Wäldern angelegt werden. Es wäre sonst zu leicht anzugreifen und zu schwer zu verteidigen.

  2. Das Lager sollte auch nicht an einem morastigen Ort liegen. Krankheiten und üble Gerüche waren zu befürchten.

  3. Es war von Vorteil, wenn ein Lager an einem Fluss lag.

  4. Es sollte genug Gras und Heu für die Pferde vorhanden sein, und es durfte kein Mangel an Holz bestehen.

  5. Die Pässe mussten besetzt sein, damit das Lager nicht von seinem Nachschub abgeschnitten werden konnte.

Das Dänenlager in Fuhlsbüttel ist im Bereich des Wacholderweges zu vermuten. Damit war der günstigste Platz gewählt. Denn das Fuhlsbütteler Gelände steigt von Westen nach Osten ganz allmählich von plus 13 m am Tarpenbek über plus 20 m an der Alsterkrugchaussee bis plus 26 m beim Erdkampsweg an. (Der höchste Punkt von Fuhlsbüttel liegt mit plus 28 m im Norden an der Hummelsbütteler Grenze).

Wer heute von der Etzestraße über den Erdkampsweg hinweg den Wacholderweg entlanggeht, erreicht bei der Einmündung der Farnstraße die höchste Erhebung. Von dort fällt die Straße zum Bergkoppelweg erheblich ab. Dieser Bereich Wacholderweg – Erdkampsweg – Bergkoppelweg trug früher den Flurnamen „Berg“. Ehe der Erdkampsweg so modern gestaltet wurde, muss das Gefälle zur Alster hin sehr viel stärker gewesen sein. Man muss sich vor Augen halten, daß zur Zeit des 30jährigen Krieges zwischen dem heutigen Bergkoppelweg und dem Fuhlsbütteler Damm einige strohgedeckte Bauerngehöfte lagen, außerdem die beiden Mühlen. Das war das Dorf Fuhlsbüttel.

Die Alster, der Mühlenteich, das Steilufer und die sumpfigen Wiesen boten dem Lager, das auf der Höhe lag, einen natürlichen Schutz. Die Bauern der Umgebung werden sicher für Fuhrdienste und Schanzarbeiten, aber auch zur Lieferung von Heu und Stroh herangezogen worden sein, denn die Langenhorner Bauern waren um diese Zeit nicht in der Lage, ihre Abgaben an die Obrigkeit zu zahlen. Vermutlich waren sie durch die in Fuhlsbüttel liegenden Truppen zu stark in Anspruch genommen.

Ein reisender Engländer hat sich das Dänenlager seinerzeit angesehen und beschrieben. Es sei ein befestigter Platz mit einem Wall aus Erde und Rasenstücken gewesen und habe etwa 2 Meilen Umfang gehabt. Nach seiner Schätzung hätten dort 10 000 Mann gelegen. In Reihen hätten ihre Hütten aus Erde und Stroh wohlgeordnet wie an einer Straße dagestanden. Die Feldgeschütze seien auf Wagen montiert gewesen, die auf einem geräumigen und eingeschlossenen Platz standen. Ein Galgen habe da gestanden, ein Strappado (to strap = mit einem Riemen schlagen) und ein hölzernes Kamel zur Bestrafung der Übeltäter.

Nach den Regeln der Kriegsbaukunst umgab man ein Lager mit einer Brustwehr, die man ganz allgemein als Schanze bezeichnete. An der Innenseite wurde das Erdwerk durch Faschinen, also Reisigbündel, haltbar gemacht, während die Außenseiten eine Auflage von Grassoden erhielten. Man unterschied drei-, vier- und mehreckige Schanzen, die auch mit Bollwerken versehen sein konnten, von denen aus eine Seitenverteidigung möglich war. Es gab einen geräumigen Alarmplatz im Lager, auf dem die Soldaten aufmarschierten. Der Lagereingang war durch Pallisaden (dichtgereihte, zugespitzte Pfähle) geschützt. Nach vorliegenden Berichten war das Dänenlager in Fuhlsbüttel von einer sägeförmigen Verschanzung umgeben.

Der Dänenkönig hielt sich an die Erfahrung, daß man ein Kriegsvolk im Lager nur durch stete Arbeit diszipliniert halten könne. Als er mit einem Teil seiner Truppen in das Erzbistum Bremen aufbrechen musste, ließ er 1200 Mann zurück und gebot ihnen, 3 000 Eichen zu schlagen und das Lager noch mehr zu befestigen. Die zuständigen Stellen der hamburgischen Landgebiete haben die Stückzahl genau registriert:

3.000 Eichen wurden 1641 in der Hölzung „Horn“ in Fuhlsbüttel gefällt.

1.002 große und kleine Eichen wurden 1642 in Ohlsdorf gefällt,

1.506 Eichen in Groß-Borstel im „Borsteler Holz“.

2.000 Buchen und Ellern sind nach einer anderen Darstellung noch gefällt worden, so daß rund

7.500 Bäume zum Ausbau des Lagers und zur Herstellung von Pallisaden, Sturmpfählen, spanischen Reitern, Wolfsgruben, Verhauen und zur Versorgung der Truppe mit Feuerholz verbraucht worden sind. Im Lager war die Unterbringung der Truppe genau geregelt. Der Generalquartiermeister ordnete an, wie das Gelände für das Fußvolk, die Reiter, die Artillerie, Bagage usw. aufzuteilen sei. Für die Unterkünfte war der Raum außerordentlich knapp bemessen. Der einzelne Soldat hatte 2,40 mal 1,20 bis 1,50 m zur Verfügung. Da manche Soldaten ihre Frauen bei sich hatten, bekamen sie etwas mehr Platz zugewiesen. In den Hütten durfte nicht gekocht werden. Die Sudler, so nannte man die Köche, hatten ihre Unterkünfte auf einem besonderen Platz. Die Reiterkompanien erhielten mit ihren Pferden natürlich etwas mehr Raum, weil sie mehr Zeug und Rüstung bei sich hatten, ebenso die Artillerie mit ihren zahlreichen Feldgeschützen.

Zu Beginn des Jahres 1642 gaben die Dänen zunächst das Lager Fuhlsbüttel auf, aber nicht wegen des strengen Winters, sondern wegen des Glückstädter Zolls, auf dessen Erhebung sich Christian IV. Hoffnungen machte.*) Aber der Krieg nahm für den Kaiser eine ungünstige Wendung. Christian IV. von Dänemark wandte sich erneut gegen Hamburg und schloss im April 1643 die Stadt zu Wasser und zu Lande ein. Mit einem stärkeren Aufgebot wurde das Lager Fuhlsbüttel erneut besetzt, obgleich der Dänenkönig ein Eingreifen der Schweden zu Gunsten Hamburgs befürchten musste. Die Schweden machten ihre Hilfe für Hamburg von schwerwiegenden Bedingungen abhängig. Die Hamburger zogen Verhandlungen mit König Christian IV. von Dänemark vor, der ihnen aber auch sehr harte Bedingungen stellte, die den Hamburgern lieber waren als eine kriegerische Auseinandersetzung.

Die Schweden hatten unter Gustav Adolf noch ritterlich gekämpft. Aber der Schwedenkönig war 1632 gefallen. Seitdem hatten sich seine Armeen einen noch schrecklicheren Ruf erworben als die katholischen Truppen. Das Land war erschöpft und ausgepowert. Grössere Truppenzusammenziehungen waren nicht mehr möglich. Die Erfolge schwankten hin und her. Franzosen und Schweden behielten das Übergewicht und vereitelten einen Angriff des Dänenkönigs. Der schwedische Kanzler schickte Verstärkung, und im Dezember 1643 drangen die Schweden bei Trittau in Holstein ein. In diesem ersten Schwedenkrieg von 1643 – 1645 hatten die Dänen kein Glück. Anfang 1644 waren Holstein, Schleswig und Jütland im Besitz des Gegners. Es ist anzunehmen, daß der Teil der Schweden, der Pinneberg besetzte, bei Fuhlsbüttel die Alster überschritten hat.

Das Dänenlager sollte hier ausführlich geschildert werden, um zu zeigen,daß Fuhlsbüttel in Krieg und Frieden durch seine Lage an diesem Punkt der Alster eine außerordentliche Bedeutung hatte.

Zweihundert Jahre später um 1850 hatte sich dann vieles geändert. Fuhlsbüttel lag weitab von „der grossen Welt“. Man redete wohl von der Revolution und den Unruhen in Berlin und Wien, den Ereignissen in Frankreich und Italien, vom deutschen Parlament in Frankfurt. Schleswig-Holstein hatte sich gegen Dänemark erhoben. Aber das lag alles sehr fern. Die Zeitung kam einmal in der Woche aus Hamburg. Der Lehrer verklarte sie seinen Zuhörern. Fuhlsbüttel war ein Dorf von 500 Einwohnern. In Ohlsdorf war noch kein Friedhof, statt dessen Kornfelder, Knicks und Redder, dazwischen einige Hünengräber. Wer zur Kirche wollte, musste nach Eppendorf fahren oder eine Stunde zu Fuß laufen. Alles sprach Plattdeutsch. Der Lehrer mühte sich, die Kinder in die hochdeutsche Sprache einzuweisen. Die Häuser drängten sich an der Alster zusammen. Sie waren alle noch mit Strohdächern versehen. Die Höfe der fünf Vollhufner lagen nebeneinander aufgereiht.

Die Vogtshufe lag im späteren Alsterpark. Daran anschliessend lag auf der einen Seite die fünfte Hufe da, wo jetzt das Standesamt steht. Auf der anderen Seite bis zum Lokal von Bargmann lagen die zweite und die dritte Hufe. Die vierte Hufe lag jenseits des Ratsmühlendammes. Zwei Höfe waren schon im Besitz eines reichen Hamburger Arztes und wurden von Pächtern bewirtschaftet. Die Kätner und Brinksitzer, 22 an der Zahl, die nur wenig Land besassen, wohnten beim Storchnest, in der Puttentwiete, beim Kegelstieg, an der Hummelsbütteler Landstraße und weiter drumherum. Es gab 4 Gastwirte, einen Brenner, zwei Krämer, einen Schmied, einen Bäcker, einen Schlachter und drei Alsterschiffer und mehrere Handwerker. Jedes Haus hatte etwa drei Bewohner.

Die Hufner Timm, Krohn und Schleusenmeister Bargmann stammten aus Familien, die lange in Fuhlsbüttel ansässig waren. Das war selten. „Ganz alte Familien“ gab es nicht. Der Wechsel der Namen war hier auffallend groß. In den umliegenden Ortschaften, gab es Familien, die fast ein halbes Jahrtausend auf der gleichen Stelle sassen: die Framheins, Laus und Krohn in Langenhorn, die Wells in Hummelsbüttel und die Bockholts in Klein Borstel.

Das Land um Fuhlsbüttel war und ist leichter Mittelboden, an manchen Stellen reiner Sand. Dafür sind die Flurnamen Sandkamp und Hungerberg an der Grenze nach Hummelsbüttel ein Beispiel. Die Dorfflur war in zahlreiche einzelne Schläge zerteilt. Jeder Bauer hatte an mehreren Anteile und bewirtschaftete 50 bis 60 verschiedene Landstücke, was bereits eine Vereinfachung darstellte. Vor der ersten sogenannten Verkoppelung waren es für jeden Hof 100 Stücke. Von den fünf Hufen waren zwei jünger als die anderen. Ihr Land lag besser beieinander. Die anderen Hufen waren so zersplittert, dass ein gemeinsamer Wirtschaftsplan für ihre Bestellung nötig war. Das geschah mit der Dreifelderwirtschaft und ihrem Wechsel zwischen Sommerkorn, Winterkorn und Brache. Die plattdeutschen Flurnamen sind später in den Straßenbezeichnungen wieder aufgenommen worden: Heeschredder oder die Etzestraße, sie waren das älteste und auch beste Land, das am ehesten in Kultur genommen wurde. Die Geländeerhebungen hatten ihre Namen. Es gab die Fluren Hasenbarg, Wittenbarg, Hungersbarg, Gnaddenbarg und außerdem Batz, Looge, Ohlendörp, Vörn Barg, Niederstegen, Blomenacker, Struckholt, In de Oh, Up de Schanz. Es gab Hollböömstücken, Veerstücken, Krommstücken, Soltstücken, Stiegstücken, Dovenkamp, Surenkamp, Kortenkamp, Erdkamp, Hornkamp und Sandkamp. Es gab die Knicks und die durch Flechtwerk eingezäunten Koppeln, die meist als Weide dienten: Holtkoppel, Krummkoppel, Lüttkoppel, Hornkoppel, Kalkkoppel. Es gab auch moorige und sumpfige Strecken: Koolbütt, Ortensiek, Lüttmoor. Im Westen (jetzt der Flugplatz) war das große Moor Schattbrook und Swarten Ree, das zwischen Langenhorn und Fuhlsbüttel aufgeteilt und in kleinen Parzellen urbar gemacht worden ist. Weiter östlich bildete eine moorige Niederung die Grenze nach Langenhorn, die von ein Rinnsal, einer sogenannten Reye durchflossen war. Daher der Name Moorreye.

An der Alster lagen mehrere Wiesen, von denen einige der Kämmerei, dem Johanniskloster und der Eppendorfer Kirche gehörten und verpachtet wurden. Andere standen den Hufnern und Kätnern zu. Daher die Namen Kätnerwisch, Grotwisch, Poggenpool oder Poggenpütt, die besonders niedrig lag. Es gab den Kammerwisch, Lüttwisch, Klosterwisch, Achter Oolsdörp, Wöbbenoort. Fuhlsbüttel um 1850, das waren Felder, Wiesen, Moor und Heide an den Reddern, in den Knicks einzelne schöne und hohe Eichen aber kein Waldbestand mehr. Der Ort war so abgelegen, daß der größte Teil der Hamburger Bevölkerung gar nicht wußte, daß Fuhlsbüttel zu Hamburg gehörte oder wo es überhaupt lag. Das änderte sich in den 70er Jahren.

Die Zweiganstalt des Werk- und Armenhauses, die sogenannte Korrektionsanstalt, hatte zuerst in Fuhlsbüttel ihren Platz gefunden. 1879 wurden die Hamburger Strafanstalten, das Zuchthaus mit Gefängnis, gebaut. Es machte den Hamburgern klar, daß Fuhlsbüttel zu Hamburg gehörte. Die Ortsansässigen mochten gar nicht sagen, daß sie aus Fuhlsbüttel kämen. Sie behaupteten meistens, sie seien aus der Gegend von Ohlsdorf. In Hamburg war der Platz nicht nur für diese Einrichtungen zu eng geworden. Als 1888 die Zollschranke fiel, wurde auch der Raum für Wohnzwecke in Hamburg rar.

Nun plötzlich entdeckten die Hamburger Fuhlsbüttel als angenehmes Wohn- und Siedlungsgebiet. Von der Hamburger Stadtmitte aus waren es nach Fuhlsbüttel 10 km. Noch um 1900 gab es überhaupt kein sogenanntes Verkehrsmittel. 1902 wurde ein Pferdeomnibus von Ochsenzoll über die Alsterkrugchaussee nach Eppendorf eingerichtet, der sich nicht rentierte und bald aufgegeben wurde. Die Hamburg-Fahrer fanden in Ohlsdorf die Pferdebahn, die über Alsterdorf nach Winterhude fuhr. Es gab keine moderne Alsterschleuse. Die malerische Klappbrücke war schon abgebrochen. An ihrer Stelle stand nur eine Holzbrücke, daneben das Mühlenhaus und etwas abseits das Schleusenhaus. Der Erdkampsweg war noch unbefestigt. Es gab nur eine bessere Dorfschule mit insgesamt 6 Klassen.

Die Lukas-Kirche mit einem spitzen Turm stand seit 1893 allein auf weiter Flur. Immer noch kam der Pastor aus Eppendorf herüber.

Es gab noch keine Etagenhäuser und nur einige Villen. Die Häuser drängten sich von der Schleuse über die Hummelsbütteler Landstraße bis zur Trift; dicht bei der heutigen Hochbahn. Sie standen am unteren Ende des Erdkampsweges, des Fuhlsbütteler Damms, und an der Rübenhofstraße. Noch beherrschten die Strohdächer der alten Höfe und Brinksitzerstellen das Bild, und immer noch hörte man viel Plattdeutsch. Das Dorf am Abhang der Alster zog Fotografen und Künstler an. So kam auch Ernst Eitner nach Fuhlsbüttel.

Um 1900 zählte die Gemeinde 3.500 Einwohner, 1950 waren es 6 mal soviel. 1898 verkündete die Landherrenschaft die ersten offiziellen Straßennamen: Alsterkrugchaussee, Fuhlsbütteler Damm, Ratsmühlendamm, Erdkampsweg, Meienweg, Beim Storchnest, Puttentwiete, Kegelstieg, Hummelsbütteler Landstraße. Fuhlsbüttel war eine selbständige Landgemeinde unter der Landherrenschaft der Geestlande. Es hatte einen Gemeindevorsteher, einen Gemeindevorstand, eine Gemeindeversammlung, die vorwiegend aus der alteingesessenen Bevölkerung bestand, die zahlenmäßig schon in der Minderheit war. Die Butenminschen wurden noch etwas von oben herab angesehen.

Die Bauern verkauften ein Stück Land nach dem anderen an die Hamburger und wurden mehr dadurch reich als durch die landwirtschaftlichen Erträge.

1911 begann mit der Gründung der Hamburger Luftschiffhallen-Gesellschaft die große Zeit der Luftschiffe und später des Flugplatzes Fuhlsbüttel, durch den der Ort vor allem im In- und Ausland bekannt geworden ist.

Der flüchtige Passant, der diesen Stadtteil einmal genauer betrachtet hat, entdeckt ein spannungsreiches Umfeld: Da ist der Flugplatz, das zweite Tor zur Welt in Hamburg, da sind die Alsterdorfer Anstalten hinter der Ortsgrenze und die Strafanstalten zum Ort gehörend und der Friedhof Ohlsdorf – alles Einrichtungen, die über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt sind. Der Ort selbst hat zwar keinen alten Markt, auch kein Schloss, aber er hat doch ein Gesicht und einen besonderen Reiz und seine eigene Atmosphäre.

Literatur:

Heinrich Reinoke, Aus Fuhlsbüttels Vergangenheit, in:
St. Lukas 70 Jahre am Erdkampsweg, Hamburg 1963

O. v. Ahlefeldt, Die Entwicklung Fuhlsbüttels in den letzten 50 Jahren, in:
Heimatzeitung und Mitteilungsblatt des Bürgervereins Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel, Klein Borstel, Ohlsdorf von 1897 e.V., in Fortsetzungen erschienen von Oktober 1955 bis Oktober 1956

Richard Hesse,Fuhlsbüttel in den Kriegszeiten des 17.Jahrhunderts, in: Heimatzeitung und Mitteilungsblatt des Bürgervereins Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel, Klein Borstel,

Ohlsdorf von 1897 e.V., in Fortsetzungen erschienen von März 1962 bis November 1963

Wilhelm Melhop, Die Alster, Hamburg 1932

*)Redder kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet: Feldweg.

*)Gräben und Wälle des Lagers wurden später dem Erdboden gleichgemacht. Seit 1956 erinnert der Name „Schanzenberg“ an das ehemalige Dänenlager.